Hammer des Monats

Mai 2008

Essen wir unser Klima auf?


Jährlich werden in Deutschland fast vier Milliarden Tonnen Güter transportiert. Das sind pro Kopf und Tag mehr als 130 Kilogramm!
Der Großteil dieser Transporte, 70 %,  findet auf der Straße statt: auf Autobahnen aber auch vermehrt auf Landstraßen. Denn seit vor knapp drei Jahren die Autobahnmaut eingeführt wurde, weichen Lkws gerne auf Landstraßen aus: z. B. auf die Staatsstraße 2078, die unsere Dörfer durchschneidet. Kein Wunder, dass Anwohner der Rosenheimer Landstraße vermehrt über Schlafprobleme klagen. Denn ein Lkw ist etwa zehnmal so laut wie ein Pkw.

Essen auf Rädern
Da werden Mineralwässer aus Italien und Frankreich nach Bayern gebracht, die Butter kommt aus Irland. Milch ist im EU-Schnitt 700 km auf Achse. Erdbeeren und Spargel, die im Dezember statt im Frühjahr auf den Tisch kommen, haben bereits eine Weltreise hinter sich. Auch das Bier aus Hamburg und Holland, das es auch in Bayern billig zu kaufen gibt, wird auf der Straße befördert. Da in Marokko die Arbeitslöhne niedriger sind als bei uns, werden norddeutsche Krabben zum puhlen in das nordafrikanische Land gekarrt und von dort aus wieder zurück zu uns. Die Backshops, die wie Pilze aus dem Boden schießen, lassen Semmeln und Brezeln in Polen, Rumänien, Bulgarien, Tunesien oder auch in Marokko herstellen. Die sogenannten Backlinge werden in den Shops dann nur noch nachgebacken. Bis ein bestimmtes Erdbeerjoghurt in unseren Einkaufswagen landet, ist es ebenfalls weit herumgekommen: die Beeren wachsen in Polen, die Etiketten werden in Bayern aus norddeutschem Papier und belgischem Leim gefertigt, Milch und Zucker stammen aus Schwaben, doch die Joghurtkulturen und die Aluminiumdeckel werden jeweils über etwa 800 Kilometer nach Stuttgart gebracht. Nach der Fertigung wird das Produkt dann noch quer durch die Republik gekarrt bevor es endlich in der Kühltheke des Supermarktes steht. Und bis es dann vom Supermarkt in den privaten Kühlschrank gefunden hat, werden weitere Kilometer gefahren: mit dem eigenen Auto. Übrigens: alle 15.000 Kilometer produziert ein Auto sein Eigengewicht an Treibhausgas Kohlendioxid (CO2): etwa 1,5 Tonnen.

Konsum und Kilometer
Deutschland importiert 60 % seines Gemüses. Kaum zu glauben aber wahr: allein der Transport von Importgemüse verbraucht dreimal soviel Energie wie der gesamte Gemüseanbau im Land.  In Deutschland resultiert 13 % des emittierten Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) aus Lebensmitteltransporten. Oder anders ausgedrückt: was jährlich auf dem Teller jedes Einzelnen landet, entspricht dem Energiegegenwert von luxuriösen 1400 Litern Benzin. Ein halbwegs sparsames Auto könnte damit etwa 20.000 km fahren. Das ist knapp eine halbe Erdumrundung!
Wer auf billig setzt, wird Salat bei einem Discounter kaufen. Und nicht selten stammt solch ein Salat aus China oder aus einem anderen fernen Land, wo für Billiglöhne gearbeitet wird. Solche Salate sind echte Globetrotter. Zuerst geht’s vom Ursprungsland per Schiff oder auch per Flugzeug nach Rotterdam, dort wird die Fracht auf die Lkws verteilt, die die jeweiligen Verteilerzentralen absteuern. Von dort aus wird das weitgereiste Grünzeug an die Supermärkte verteilt. Das Erstaunliche: je weiter gereist, desto billiger. Der Salat vom Gärtner nebenan ist nicht für ein paar Cent zu haben – schließlich will der Gärtner ja auch existieren. Im Fachjargon wird die Billigmethode Ökodumping genannt: der Einzelne profitiert, während die Allgemeinheit die Folgekosten (z. B. Umweltverschmutzung, Lärm) tragen muss.

Äpfel mit Apfelsinen vergleichen
Pro Kopf werden in Deutschland jährlich etwa 13 Liter Apfel- und neun Liter Orangensaft getrunken.
In der EU gehandelter Orangensaft stammt zu 80% aus Brasilien und hat damit eine weite Reise zu uns zurückgelegt: etwa 12.000 km. Bei der Herstellung wird der Saft auf etwa ein Siebteil des Gewichts eingedampft. Für Lagerung und Transport wird das Konzentrat eingefroren. Im Empfängerland wird es aufgetaut und mit Wasser verdünnt. Bei der Herstellung von Orangensaft muss sehr viel Energie eingesetzt werden: 0,1 Liter Erdöl pro Liter Saft.
Für die Herstellung von Apfelsaft wird nur der hundertste Teil an Energie benötigt: pro Liter Saft nur 0,001 Liter Erdöl. Im Bundesdurchschnitt ist  Apfelsaft nur eine Strecke von maximal 200 km gereist.

Früchte mit Flügeln
Sogenannte Flugananas, - kiwis, -litschis, -mangos und -erdbeeren versüßen denjenigen, die bereit sind, etwas tiefer in die Tasche zu greifen, das Leben. Immer mehr Exotenfrüchte werden direkt aus der Anbauregion eingeflogen. Der Vorteil ist, dass die Früchte – anders als sonst üblich - reif geerntet werden und sofort in den Handel kommen. Der Nachteil ist, außer dem hohen Preis, die Klimabilanz. Die ist nämlich verheerend. Nur auf den Transport bezogen erzeugen ein Kilo „Flug“-Kiwis aus Neuseeland genauso viele klimaschädliche Treibhausgase wie 6800 Kilogramm heimisches Obst.

Subventionen und Steuern
Herrschte Kostengerechtigkeit, wären Lebensmittel, die per Luft oder auf der Straße zu uns kommen, unerschwinglich. Doch Subventionen und Steuergeschenke verhindern dies erfolgreich. So ist Flugbenzin noch immer von der Steuer befreit, Straßenkilometer sind subventioniert, Maut wird bislang nur auf der Autobahn und wenigen Bundesstraßen erhoben. Die Straßenabnützung zahlt die Allgemeinheit über das Steueraufkommen. Kaum vorstellbar, dass in Deutschland vor 50 Jahren ernsthaft erwogen wurde, die Autobahnen für den Lkw-Verkehr total zu sperren. Und zwar aus Kostengründen. Schließlich beschädigt ein einziger beladener 40-Tonner den Straßenbelag genau so stark wie 160.000 Pkws. Hinzu kommen die Folgekosten für Flächenverbrauch, Lärmbelastung und Schadstoffausstoß, die auch wieder von der Allgemeinheit getragen werden.
Die Folgeschäden des Güterverkehrs auf Straßen werden vom Deutschen Städte- und Gemeindebund auf bis zu 20 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. 
Im Bundesverkehrsministerium geht man davon aus, dass der Güterverkehr bis zum Jahr 2015 auf das 3-bis 4-fache anwachsen wird. Trotzdem besteht die EU-Kommission für Unternehmen darauf, dass in der EU der Straßenverkehr das dominierende Transportsystem  bleiben muss.

Energiebilanzen – nicht ganz einfach
Obst und Gemüse außerhalb der Saison ist entweder über weite Strecken gereist, stammt aus beheizten Treibhäusern oder lagert über Monate in Kühlhäusern. All dies ist mit erheblichem Energieaufwand und hohen Emissionen, u. a. von CO2, verbunden. Äpfel aus Deutschland, die im Frühjahr oder Sommer gekauft werden, wären ungenießbar, wären sie nicht über Monate in kontrollierter Atmosphäre gekühlt worden. Kontrolliert bedeutet, dass Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Sauerstoff- und Stickstoffgehalt stimmen müssen. Ein aufwändiger Prozess also.
Frische Äpfel aus Neuseeland, die im Frühjahr oder Sommer mit dem Schiff bei uns eintreffen, haben zwar viele Kilometer zurückgelegt, trotzdem ist die Klimabilanz kaum schlechter als die des deutschen Apfels, der künstlich im Tiefschlaf gehalten wurde.
Letztendlich entscheidend für die Klimabilanz ist, ob man mit dem Auto, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad zum Apfelkauf fährt. Vor allem bei kurzen Strecken ist das Auto eine schlechte Wahl: ein kaltes Auto braucht für die ersten drei Kilometer etwa einen Liter Benzin.

Klima und Konsum
Jeder Deutsche verursacht jährlich zwischen zehn und 12 Tonnen CO2. Klimaverträglich wären zwei Tonnen. Dabei fällt allein die Ernährung schon mit 1 ½ Tonnen ins Gewicht. 
Ganz generell lässt sich sagen: weit gereiste Lebensmittel erzeugen mehr CO2 und tragen damit zur Klimakatastrophe bei. Mehr Transport benötigt weiteren Straßenbau, damit gehen Oberflächenversiegelung, Lärm, Umwelt- und Gesundheitsschäden einher. Die Lebensqualität wird beeinträchtigt. Die Energie- und Ökobilanz der Lebensmittel wird deutlich verschlechtert. Als Auswirkung ist mit Stürmen, Starkregen, Trockenheit und Dürre zu rechnen – kurzum Extremwetterlagen werden zunehmen. Um entstandene Schäden zu reparieren werden auf die Volkswirtschaft enorme Kosten zukommen. Die hierfür benötigten Mittel werden an anderer Stelle fehlen.


Quelle: Agenda 21 Aying, Petra Brückner und Nortrud Semmler für den Arbeitskreis Verkehr

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