Stellungnahme zur Leitlinie Bildung

Stellungnahme des Nord Süd Forum zur Münchner Leitlinie Bildung

Die Leitlinie Bildung soll im Frühjahr 2009 verabschiedet werden und damit den Rahmen für die nächsten 10 Jahre Bildungspolitik bzw. Bildungswirklichkeit in München abgeben. Aus unserer Sicht wird die gegenwärtige Fassung der Leitlinie Bildung dieser Aufgabe in mehrfacher Hinsicht nicht gerecht.

Dies soll an zwei miteinander verknüpften Punkten gezeigt werden:

1. Was sind die Ziele von Bildung, um welche Bildung geht es und was macht die Qualität von Bildung aus – und was sagt die Leitlinie dazu?

2. Was sind die besonderen Herausforderungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, was bedeutet das für die Bildung – und was sagt die Leitlinie dazu?

Ad 1) In der Leitlinie wird  mit viel Statistik gezeigt, wie viele Schüler welche Schulabschlüsse erreichen, welche Übertrittsquoten auf das Gymnasium erzielt werden und wovon dieser Bildungserfolg abhängt, doch die Frage, um welchen Bildungsbegriff es eigentlich geht, wird nicht thematisiert. Was sind die grundsätzlichen Ziele von Bildung, die die Leitlinie vertritt?
In der Leitlinie scheint Bildung zweckgerichtet verstanden zu werden: als Ausbildung für den Arbeitsmarkt, mehr Bildung für mehr wirtschaftlichen Erfolg und höheres BIP (S.18), Wettbewerbsfähigkeit und Ausbildung hochqualifizierter Arbeitskräfte für die künftige Wirtschaftsentwicklung (S.19). Wenn schließlich sogar die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zitiert wird (eine PR-Organisation der Unternehmer, die für Deregulierung und Ausrichtung aller Bereiche auf die Wirtschaft, inkl. der Bildung eintritt) – Bayern habe Schwächen „mit Blick auf den Nachwuchsbedarf an heimischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen“ (S.15), so konterkariert die Leitlinie den im Vorwort genannten Satz von Frau Weiß-Söllner: „ …darf es keine Verengung auf rein ökonomische Verwertbarkeit geben“ (S.3). Auch Testverfahren wie PISA und zusätzliche Steuerungs- und Evaluationsinstrumente führen nicht zu Qualitätsverbesserung, sondern verstärken die Selektion und tragen so gerade nicht zu mehr Bildungsgerechtigkeit, die die Leitlinie doch befördern möchte, bei.
Stattdessen stellt der klassische Bildungsbegriff z.B. nach Humboldt den Menschen und seine freie Entwicklung ins Zentrum. Das Ziel dieser Bildung ist Persönlichkeitsbildung - Menschen, die ihre Möglichkeiten frei entfalten können, dabei Verantwortung gegenüber den Mitmenschen übernehmen und fähig sind, verantwortlich zu handeln. Entscheidend für eine so verstandene Bildung ist der Bildungsprozess, zentral dabei die Beziehungsarbeit zwischen Lehrern und Schülern, Pädagogen und Jugendlichen. Der Umgang mit Wissen ist hierbei kein rein kognitiver (die Leitlinie geht primär von diesem kognitiven Verständnis aus), sondern führt zu Entwicklungsprozessen – erst Wissen, das persönlichkeitswirksam geworden ist, verdient den Namen Bildung. Dafür braucht es mehr Lehrer, kleine Klassen sowie Raum und Zeit für Erfahrungen und Selbsttätigkeit der Schüler.
Welche Art von Bildung möchte München in seiner Leitlinie befördern?

Ad 2) Betrachten wir den Zustand der Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts – mit so gefährlichen und zerstörerischen Entwicklungen wie z.B. dem Klimawandel, der Verschmutzung der Umwelt und Zerstörung der Lebensgrundlagen des Menschen, den negativen Folgen der Globalisierung und der wachsenden Kluft zwischen arm und reich, sowohl innerhalb der Industrieländer als auch zwischen den Industrieländern und den Ländern des Südens – so wird deutlich, dass ein grundlegendes Umsteuern in der Lebens- und Wirtschaftsweise hin zu Nachhaltigkeit, sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Verträglichkeit nötig ist. (vgl. Wuppertaler Institut: Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt). Bildung hat bei diesem Übergang zur nachhaltigen Entwicklung eine Schlüsselfunktion.
Pädagogen sind aufgefordert, Kindern und Jugendlichen bei einer doppelten Herausforderung zu helfen: Orientierung für das eigene Leben zu finden und die Vision für das Leben in einer human gestalteten Weltgesellschaft zu entwickeln. Es geht z.B. darum, die jungen Menschen zu befähigen, sich kritisch u.a. mit gegenwärtigen Leitbildern, Wirtschaftsmodellen (Mythos Wachstum) und Ideologien auseinanderzusetzen, Zivilcourage und Handlungsfähigkeit zu entwickeln. Pädagogische Antworten gibt es z.T. bereits seit langer Zeit: Bildung für nachhaltige Entwicklung, das Konzept des Globalen Lernens / EineWelt-Bildung, Friedens- und Menschenrechtserziehung sowie die Umweltbildung zeigen Möglichkeiten, wie Schule und außerschulische Bildungseinrichtungen dies umsetzen können.
Es überrascht doch sehr, dass in der Leitlinie darauf keinerlei Bezug genommen wird. Weder findet sich ein Hinweis auf die laufende UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung, noch auf die Mitgliedschaft der Stadt bei BenE (Bildung für nachhaltige Entwicklung München), noch auf den 2007 erschienenen „Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung“ der Kultusministerkonferenz der Länder und des BMZ.
Somit ist die Leitlinie nicht auf dem aktuellen Stand der Bildungsdebatte, geht nicht ein auf das, was gegenwärtig erforderlich wäre und kann damit nicht richtungweisend für die Zukunft sein.

Wir regen aufgrund der massiven Defizite dringend an, die Leitlinie in dieser Richtung zu überarbeiten.

Marita Matschke
im Namen des gesamten Vorstands des Münchner Nord Süd Forums

München, 2. März 2009

Download Stellungnahme zur Münchner Leitlinie Bildung (113 KB, PDF)


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