Ein tödlicher Irrtum – Der Mord an Gonzalo Mauro Pio Flores aus Nuevo Amanecer Hawai

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Wieder wurde ein Mitglied der Familie Pio aus Nuevo Amanecer Hawai, Gonzalo Pio, ermordet.

Diesmal allerdings handelt es sich um einen schrecklichen Irrtum.

In der Trockenzeit erreicht man von der Provinzhauptstadt Satipo (Region Junin) im zentralen amazonischen Regenwald aus mit einem Geländefahrzeug in vier bis fünf Stunden die indigene Dorfgemeinschaft Nuevo Amanecer Hawai. Die ca. 60 Familien in Nuevo Amanecer Hawai gehören zum indigenen Volk der Asháninka. Diese sind mit ca. 90.000 Personen das größte indigene Volk im zentralen amazonischen Regenwald (selva central) Perus. Das Territorium des Dorfes umfasst ca. 32.000 Hektar weitgehend intakten Regenwaldes als Gemeinschaftsland. Die Familien haben keinen Privatbesitz an Grund und Boden, sondern ein Verfügungsrecht über ihre Parzelle. Das Dorf hat sich den Namen Neue Morgenröte Hawai gegeben, weil dort die Ananassorte „Hawai“ so gut wächst. Die Dorfgemeinschaft hat einen einfachen Landtitel. Die Erteilung des inzwischen vorgeschriebenen offiziellen Landtitels, wobei die Grenzen mit Hilfe von modernsten Vermessungsmethoden(GPS) festgelegt werden, und der Eintrag in das offizielle Katasteramt ist ein schwieriger Prozess. Das Territorium von Nuevo Amanecer Hawai ist auf drei Regionen verteilt.

Der tropische Wald ist von Holzfirmen mehr als begehrt. Mit aggressiven Methoden versuchen sie, möglichst viel Land zu ergattern. Auch vor Mord schrecken sie nicht zurück, zum Beispiel an Mauro Pio, dem damaligen Dorfchef und Vater von Gonzalo Pio, der in der Provinzhauptstadt Satipo vor einigen Jahren auf offener Straße erschossen wurde.

Auch nach dem Mord an Mauro Pio hörten die Übergriffe von Holzfällern auf das Dorf Nuevo Amanecer Hawai nicht auf. Im Jahr 2018 überfiel ein bewaffneter Trupp erneut das Dorf. Deren Anführer wurden vom Dorf festgenommen und der Justiz übergeben. Dafür wurden drei Dorfvertreter, unter ihnen Gonzalo Mauro Pio wegen Entführung angeklagt, was 35 Jahre Gefängnis bedeutet hätte. Mit Unterstützung durch den engagierten Anwalt Dr. Gines wurden sie frei gesprochen. Gonzalo Pio und seine Frau Maribel beschlossen danach, vorerst mit ihren Kindern eine Zeit lang nicht im Dorf, sondern in der Provinzhauptstadt Satipo zu leben.

Da passierte ein tragischer Irrtum…

Die Ermordung von Gonzalo Mauro Pio Flores

(Aus dem – etwas gekürzten – Bericht der Witwe Maribel Veronica Casancho, 41 Jahre.)

Liebe Schwestern und Brüder in München… Ich berichte Euch von meiner großen Trauer und der Ermordung meines Mannes Gonzalo….

Ich erinnere zu Beginn daran, wie Gonzalo Mauro Pio mit anderen zwei Personen vom Dorfrat unseres Dorfes Nuevo Amanecer Hawai wegen Entführung und Mord angeklagt war Das war alles nicht wahr und dank Eurer Unterstützung und dem guten Anwalt Dr. Gines wurden sie frei gesprochen. Die Drohungen gegen Gonzalo gingen danach immer weiter… Deshalb beschlossen wir, auch wegen der Zukunft unserer Kinder, aus unserem Dorf weg zu gehen. Wir lebten in der Stadt Satipo, arbeiteten und studierten beide dort an der kleinen Universität… um Lehrer zu werden. Uns ging es gut bis zu dem schrecklichen Tag, als mein Mann ermordet wurde…

Am 17. Mai 2020 verließen wir unser Haus in Satipo, um Kaffee auf unserer kleinen Parzelle außerhalb des Dorfes zu ernten. Wir wollten Herrn Francisco Lopez Ashiro bitten, uns dabei zu helfen. Wir irrten uns und kamen zuerst zum Haus der Familie Ernesto,, so gegen 14 Uhr. Dort schrie auf einmal die Frau Rosalindo Ernesto Paredes: ‚Da ist der Mörder unseres Bruders!‘ Ihr Bruder hörte das, kam mit einem Gewehr heraus gerannt und schoss in die Luft. Die Nachbarin der Familie Lopez Ashiro, Luzmilla, mischte sich ein und erklärte, die Nachbarn seien so wütend, weil ihr Bruder ermordet wurde. Sie sagte auch, seid ruhig und ruht euch aus. Wir waren inzwischen beim Haus von Francisco Lopez Ashiro angekommen, wo wir ja hinwollten. Da kam die Familie Ernesto mit Stöcken und Macheten und sie prügelten sofort auf uns ein und schrien: ‚Du hast unseren Bruder umgebracht! Du hast ihn umgebracht!‘ Ich rief zurück, dass das nicht stimmt. Dann rannten wir aus dem Haus. Sie holten uns ein, schlugen uns immer wieder, fesselten unsere Hände und schrien immer lauter: ‚Mörder, Mörder!‘

Dann sagten sie, wir gehen jetzt zur Polizei. Das war eine Lüge. Wir gingen los, bis wir an eine Straße kamen. Jetzt befahlen sie uns, ‚kniet nieder‘ und einer der Familie, Brus mit Namen, befahl seiner Schwester: ‚Hol das Gewehr, denn diese Hunde werden wir töten!‘ Es waren zwei Männer und zwei Frauen gegen uns. Inzwischen war es 18.30 Uhr geworden und schon dunkel. Sie dirigierten uns zu einer abgelegenen Stelle. Mein Mann bat flehentlich: ‚Tötet uns nicht, was wird aus unseren drei kleinen Kindern, wir sind wirklich unschuldig…‘ Da hat Brus schon auf Gonzalo geschossen. Und sein Bruder schlug mir brutal mit dem Gewehrkolben ins Gesicht. Ich wurde wohl ohnmächtig und bis heute ist mein Gesicht von den Schlägen entstellt. Sie warfen mich einen Abhang hinunter. Ich hörte nach einiger Zeit, als ich wieder bei Sinnen war, leise Hilferufe, konnte aber den Abhang wegen meiner Verletzungen und weil meine Hände gefesselt waren nicht hoch kriechen. Später kam ich dann doch hoch und entdeckte meinen Mann dort. Die Kugel ging in seinen Rücken und hatte den Bauch aufgerissen. Ich schleppte mich vorwärts, um Hilfe zu suchen. Aber erst in der Früh kam ich zu einem Haus, erklärte alles. Der Mann rief die Polizei und ich erklärte, wo sie Gonzalo finden können. Dieser Mann rief auch einen Krankenwagen und ich kam schwer verletzt in das Krankenhaus von Satipo. Ich war, wie die Ärzte dort sagen mehr tot als lebendig. Ich konnte nicht einmal bei der Beerdigung von Gonzalo dabei sein, weil ich im Krankenhaus war.

Ich fühle mich wie ausgeblutet, jetzt alleine mit meinen drei Kindern. Ich bitte Euch um Unterstützung…“

Nach Aussagen unserer Partner in Satipo sind Maribel und ihre Kinder untergetaucht, weil die Familie, die ihren Mann getötet hat, äußerte, auch sie endgültig zu töten, damit sie nicht gegen sie vor Gericht aussagen kann.

Notwendig ist jetzt wohl die juristische Unterstützung. Gedacht ist an den bewährten Rechtsanwalt Dr. Gines, damit der Fall nicht „zu den Akten“ gelegt wird, wie öfter geschehen, wenn es sich um Indigene handelt. Das Verfahren kann sich über 1-2 Jahre hinziehen.

Weder die Witwe noch die Dorfgemeinschaft Nuevo Amanecer Hawai kann das Geld aufbringen. Sie konnten in diesem Jahr wegen der Corona Pandemie und ihrer freiwilligen Isolation ihre Ernte (Früchte, Kaffee etc.) nicht verkaufen. Aber, auch während der Coronazeit ging die Abholzung an den Grenzen des Territoriums des Dorfes weiter!

(Heinz Schulze), Koordinator AK München Asháninka, 20.8.2020

Unterstützungsmöglichkeiten:
Konto: Heinz Schulze, Sparda München: DE72 7009 0500 0005 1342 18 (leider keine Spendenbescheinigungen möglich)
Stichwort: Entweder „Fall Gonzalo Anwalt“ oder „Unterstützung Maribel Casancho“

Weitere Informationen: Nord Süd Forum München – AK München Asháninka
ViSdP: Arbeitskreis München-Asháninka des Nord Süd Forum München e.V., Schwanthalerstraße 80, 80336 München

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